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Was geschah im Frühjahr 2025 an der Nister in Stein-Wingert?

Was geschah im Frühjahr 2025 an der Nister in Stein-Wingert?

Seit Jahren wurden die Arbeiten und Veröffentlichungen der ARGE Nister in Kooperation mit der Universität Koblenz zur Gewässerökologie und den Effekten des Kormorans von uns interessiert verfolgt und immer wieder verlinkt. Sie brachten u.E. entscheidend wichtige Erkenntnisse auch zu komplexen Fragestellungen, waren schlüssig und nachvollziehbar, auch für den interessierten Laien. Krau, F; Fetthauer, M. (2011), Schneider et al. (2015), Gerke et al. (2020)

Deutschlandweit sichtbar war die Verleihung des DWA Gewässerentwicklungspreises im Jahr 2023; dann, am 26.06.2024 ein weiterer Meilenstein: Der Beitrag von Frau PD Dr. C. Winkelmann zu der Expertenbefragung im Umweltausschuss des Bundestages am 26.06.2024 zur Kormoran-Problematik.

Zig Teilnehmer von Wissenschaftlern, Naturfreunden und Politikern (z.B. auch die ehemal. Bundesumweltministerin Steffi Lemke) sahen über Jahre hinweg bei Exkursionen mit eigenen Augen an der Straßenbrücke in Stein-Wingert die hohe Fischdichte, die Artenvielfalt, beeindruckende Schulen von Nasen (Chondrostoma nasus), alles Wildfische, nicht ein Besatzfisch. Alleine die jahrelange ganzjährige Vergrämung anfliegender Kormoranschwärme hatte diese völlig gesunde, in der Region einzigartige Fischfauna entstehen lassen. Die Zusammenhänge von Prädatoren, Fischen, Muscheln, Algen, Kleinlebewesen, Wasserqualität etc. wurden völlig schlagend am Objekt erläutert, viele wertvolle Veröffentlichungen hatten hier ihren Forschungsgrund.

Dann jedoch bei einem zufälligen sonntäglichen Besuch eines FScKorm-Mitglieds am 16. März 2025, eine Woche später ein weiterer: Trotz bester Sichtigkeit der Nister war von der Brücke aus nicht ein Fisch zu sehen! Das Flussbett genau so fischleer, wie wir es von vielen Flüssen kennen, landauf, landab.

Wir wissen nicht, was geschehen war. Bis heute fanden wir auch keine offizielle Stellungnahme dazu.

Bekannt war, dass an der Nister im Zusammenhang mit dem Forschungsvorhaben ProtectFish Teilbereiche durch Überspannen (s. Fotos, aufgenommen am 16.03.) gegen Kormoran-Fraßdruck geschützt werden würde.

Nister Überspann Mar-2025 Bild1
Nister Überspann Mar-2025 Bild2

Hatte man die bewährte, bisherige Kormoran-Vergrämung wegen der neuen Alternativen, dem Überspannen, aufgegeben? Hatte das Überspannen versagt? Oder gab es eine andere Ursache, etwa doch ein fatales Fischsterben? Was übersehen wir?

Der Vorsitzende der ARGE Nister, Manfred Fetthauer und der Naturfilmer Stefan Tannenberg hatten uns noch im Februar 2025 für einen Vortrag bei dem Fischschutzverein Siegburg Ausschnitte von Unterwasservideos „Fische im Winterquartier – Beobachtungszeitraum 2019 bis 2025“ überlassen. Daraus hatten wir mit Genehmigung ein paar Standbilder genommen und bei dem Vortrag im März in Siegburg genutzt.

Die sind jetzt hier eingestellt: Ganz viel Fisch muss also selbst im Februar 2025 noch gelebt haben.

 

Was für ein ökologischer Schaden, was für eine Tragik, dass diese gesunde lokale Fischpopulation der Nister in Stein-Wingert mutmaßlich ausgelöscht worden ist.

Schon alleine das Ereignis an sich, das Verschwinden von hunderten Kilo Fisch, auch gefährdeter Arten, mutmaßlich durch Kormoranfraß binnen weniger Tage, wäre ein wichtiges Ereignis, das zwingend dokumentiert werden muss. Es wäre ein herausragender weiterer, hochaktueller Beweis für die Kausalitäten und für das Gefährdungspotenzial, das von P. c. sinensis ausgeht. Diese Tatsache müsste zwingend und sofort publiziert, etwa auch allen Akteuren der EIFAAC-Initiative Cormorant Management Plan (CMP) an die Hand gegeben werden.

Man muss sich fragen, ob dieser zu befürchtende eklatante Vorfall an der Nister denn der Amtseite nicht bekannt ist, etwa den verantwortlichen Fischschützern der SGD Nord (Struktur und Genehmigungsdirektion Nord), so dem Fischereireferenten R. Mauden, ob bereits Nachforschungen ausgelöst wurden. Muss nicht eine Staatsanwaltschaft von Amtswegen tätig werden, wie es bei Umweltdelikten, bei Fischsterben selbstverständlich ist?

In wenigen Wochen wird in Rheinland-Pfalz gewählt: Wurde die grüne Umweltministerin Katrin Eder bis heute nicht über diesen mutmaßliche Verlust eines wichtigen ökologischen Kleinodes ihres Landes in Kenntnis gesetzt?

Heute sind vermutlich nur noch wenige Exemplare autochthoner Fischarten dort in der Nister. Daher sind die einfliegenden Kormorane bereits darauf angewiesen, auf die für sie mühsam zu fangenden Jungnasen auszuweichen:

 

Um satt zu werden müssen es täglich ziemlich viele sei, das wiederum sind die Elterntiere der nächsten Nasengenerationen! Der völlige Zusammenbruch nimmt seinen Lauf!

 

 

 

Es wäre erfreulich, wenn sich unsere zufällige Beobachtung als großer Irrtum erweisen würde, welcher Art auch immer.

Andernfalls ist die Frage nach Verursachern, Verantwortlichen zu stellen – und vor allem, wer und wie schnellstmöglich die frühere bestens dokumentierten gesunde aquatische Lebensgemeinschaft der Nister in Stein-Wingert wiederherstellt.

 

Übrigens: Statt an der Nister schützt dieses Wissenschaftler-Team von ProtectFish nun Abschnitte an den Flüsschen Asdorf, Eder, Kyll, Ruwer und Salm. Wir wünschen Erfolg, nämlich den zwingend notwendigen echten 365/24-Fraßschutz stabil realisieren zu können, trotz der weiten Wege und vermutlich geringer menschlicher Präsenz vor Ort.

 

Dieser Beitrag ist Achim Müller * 3. Januar 1960  † 9. September 2025 gewidmet.

Achim war ein Fischfreund durch und durch. Er hatte die Probleme des Prädationsdrucks auf die Fischarten seiner Heimatgemeinde verstanden und wollte sich, wenn im Ruhestand, für eine Lösung mit einbringen. Sein so früher Tod ließ das leider nicht zu.

Im Sinne von Achim war beim Abschiednehmen anstelle von Blumen und Kränzen um eine Spende an die Arge Nister / Obere Wied e.V. gebeten worden.

 

Erfahrungen mit der bestehenden Kormoranverordnung NRW an der Sülz im Siegsystem

Das Ausklammern der Gewässerstrecken in Naturschutz- und Natura-2000-Gebieten verhindert ganz grundsätzlich die Anwendung und damit die Wirksamkeit dieser Kormoran VO-NRW für die große Mehrzahl aller nordrhein-westfälischer Gewässer: Ein fataler Nachteil, der nicht in Vergessenheit geraten darf!

An der Sülz im Rheinisch-Bergischen und Rhein-Sieg-Kreis hingegen kann und wird die Kormoran VO-NRW zum Fischschutz intensiv genutzt. Hier wurde erstmals seit dem völligem Zusammenbruch der Fischpopulation 1996/1997 durch überwinternde Kormorane eine Chance auf Besserung gesehen. Eine Initiative von Jägern und Anglern ist auf etwa 12km (von Untereschbach bis zur Sülz-Mündung in die Agger bei Altenrath) jagdrevier-übergreifend aktiv. Den zuständigen kommunalen Behörden (Fischerei, Jagd und Naturschutz) sowie dem LANUV wurden darüber laufend Berichte vorgelegt.

Das Prinzip der letalen Vergrämung funktionierte in den Herbst- und Wintermonaten gut. Die Strategie bestand aus

  • regelmäßigem Patrouillen entlang des Flusses, etwa alle 2 Tage, dabei
  • punktuellem Anstellen, etwas getarnt, morgens nach Tagesanbruch, aber auch zu wechselnden Tageszeiten (stundenlang nicht effektiv, nicht erforderlich)
  • dem gezielten Angehen von bevorzugten Rastplätzen und
  • dem Beobachten der Einflüge und dem Kommunizieren derselben unter den Akteuren.

Wegen der vergleichsweise geringen Fischmasse der Sülz fliegen zumeist Einzelvögel, selten kleine Trupps, nie größere Schwärme ein.

Abgeschossen wurden an der Sülz in Herbst/Winter 2020/2021 neun und 2021/2022 elf Kormorane. Mit diesen eher kleinen Abschusszahlen konnte jedoch ganz offensichtlich ein Vielfaches an Kormoranen monatelang erfolgreich ferngehalten werden: Es baute sich nämlich erkennbar eine höhere Fluchtdistanz vor dem Menschen auf, wobei die Vögel offensichtlich nicht zwischen Jäger und Spaziergängern etc. unterschieden. Indirekt blieben dadurch auch Gewässerabschnitte mit Bebauung, Spazierwegen oder „Hundewiesen“ gut geschützt.

ABER: Mit Beginn der Brutzeit und der zeitlichen Einschränkung der Kormoran VO-NRW, ab März nur junge, immatur gefärbte Kormorane, also grau-braun-mellierte, abschießen zu dürfen, brach der Fischschutz völlig zusammen: In diesen Monaten jagten an der Sülz nahezu ausschließlich adulte Vögel (schwarz, gut zu unterscheiden)! Die Gründe hierfür sind nicht bekannt.

Frustrierend war und ist, mit anzusehen (sehr bald auch wieder auf kurze Distanzen), wie die adulten Kormorane erfolgreich Beute machen. Monatelang blieben und bleiben daher alle Patrouillengänge vergeblich, es erfolgte kein Abschuss, es gab keinen Lern-, keinen Vergrämungseffekt. Erst ab Mitte August kann die übergebliebene, nicht weggefressene Fischpopulation wieder wirksam gesschützt werden.

Es bedarf keiner Elektrobefischung, keines wissenschaftlichen Monitorings: Jeder Blick von Brücken bei klarem Niedrigwasser, jedes Gespräch unter Anglern offenbart: Von der notwendigen grundlegenden Erholung der Fischfauna ist die Sülz weiterhin meilenweit entfernt!

 

DAS ERNÜCHTERNDE FAZIT AN DER SÜLZ IST DAHER:

Es gelingt mit der bestehenden Kormoran VO-NRW aus 2018 nicht, eine effektive Schutzwirkung von März bis Mitte August zu etablieren! Die von Fischereibiologen des LANUV bereits 2013 befürchteten „Wirkungslücken der Vergrämung“ sind Realität.

Vermutlich beschränkt sich der Erfolg des Engagements an der Sülz, also an einem Gewässer außerhalb von Schutzgebieten, wo die bestehende Kormoran VO-NRW angewendet werden darf und auch angewendet wird, darauf, in den Herbst- und Wintermonaten „Trittsteine“ zum Überleben autochthonen Fischarten auf niedrigstem Niveau zu legen.

Für alle natürlichen Gewässer in Naturschutz- und Natura-2000-Gebieten Nordrhein-Westfalens ist diese Kormoran VO-NRW ohnedies völlig wertlos.

 

Experten-Anhörung im Fischereiausschuss des Europäischen Parlaments

Das Europäische Parlament hatte wiederholt klare Beschlüsse gefasst – zuletzt im Juni 2018 – und die EU-Kommission aufgefordert, die Kormoranbestände „mit allen Mitteln drastisch zu reduzieren.“ Geschehen war nichts, die Kommission hatte das immer ausgesessen!

Jetzt, am 11. Mai 2022, hatte das Parlament eine Anhörung von Experten angesetzt. Im Fokus stand die Betroffenheit der Fischzucht, die Beweisaufnahme beleuchtete aber selbstverständlich zugleich die Last auf den natürlichen Gewässern und die Dramatik für die Artenvielfalt.

Niels Jepsen stellte Untersuchungsergebnisse aus Dänemark vor, die den enormen Fischfraß dort belegen. Vieles, vor allem die Schwere der Fischverluste, gelten analog europaweit, wenn sich auch die betroffenen Fischarten und die Zeitperioden der Einflüge unterscheiden. Die Folien seines Vortrags sind sehr beeindruckend.

Bitte schauen Sie hinein, lesen Sie, auch wenn in Englisch, etwa:

  • von 10000 markierten Jungaalen (eel) wurden nachweislich in einem Jahr 40 – 50% aufgefressen
  • alle markierten Flundern einer Untersuchungsreihe, 4000 Tiere, waren in 2 Wochen verschwunden
  • 40 – 50% der markierten Smolts (Junglachse)
  • in einem Äschen-Flussabschitt: von 25 markierten Äschen (grayling) überlebten den Winter nur 2; die Fischbiomasse ging dort mit dem Kormoran-Überfall um 80% zurück
  • Zahlengerüst Kabeljau/Dorsch (cod) in der westl. Ostsee: Der Zuwachs wird auf 4-17 Million Fische geschätzt, die Hochrechnung des Kormoran-Fraßes auf 15 Million!

Unser Fazit: Eindeutig dieselbe Dramatik wie bei uns in Mitteleuropa, unfassbar – ein riesiger Skandal!

Auch der Vorsitzende der Kormoran-Kommission des DAFV, Stefan Jäger, war als Referent eingeladen: Eine ebenfalls sehr lesenswerte Präsentation.

Von BirdLife vertrat eine Referentin die ornithologische Seite. Sie betonte die Stabilisierung der Kormoran-Population in Gesamteuropa und verschanzte sich hinter der bestehenden Rechtslage, die der Vogelart bekanntlich einen hohen Schutzstatus bietet – alles nichts Neues. Eine Anmerkung: Die Dame differenzierte nicht zwischen den Unterarten carbo und sinensis – der Taschenspielertrick, um den sinensis aus dem Verdacht des Neozon zu nehmen, also eines Aliens wie z.B. dem Waschbären!

Und jetzt? Die anschließenden Wortmeldungen der Europa-Abgeordneten nach allen sechs Vorträgen ließen keinen Zweifel: Die Dramatik war überdeutlich geworden.

Sie wissen um die Erkenntnisse unseres Vereins über den »Naturschutz«, vor allem den amtlichen in der Landesverwaltung NRWs, der die Problematik leugnet, dramatische Schäden aus ideologischen Gründen hinnimmt und schwere Schuld auf sich lädt. Unsere Web-Seiten sind voll davon, wir sprechen zurecht von dem Kormoran-Skandal.

Auf der Europäischen Ebene spiegelt sich das Bild offenbar, auch hier müssten längst Staatsanwaltschaften gegen die Verantwortlichen in der Europäischen Kommission eingeschritten sein – ohne nimmt das kein Ende.

Hier der Link zum Streamen des gesamten Hearings, wenn gewünscht mit Simultanübersetzung.

Ein Denkanstoß zur NRW Landtagswahl 2022

Denkanstoß zur NRW Landtagswahl 2022

Wir halten es für notwendig, die eigentlichen, übergeordneten Ursachen für durch Kormoranfraß faktisch überall fischleeren Gewässer erneut kurz und knapp zu schildern – vor Ihrer Stimmabgabe. Bitte lesen Sie weiter und sagen nicht sogleich, „es gibt doch wichtigeres, von dem ich meine Wahlentscheidung abhängig mache“.

Naturschutzverbände, vor allem aber auch der amtliche Naturschutz leugnen die Schwere der Kormoran-Schäden und verhindern systematisch das Sammeln der Beweise. Wissenschaftler, etwa die Fischereibiologen in Ministerien und Naturschutzämtern, aber auch diejenigen bei den Fischereiverbänden, werden seit mehr als zwei Dekaden genötigt mitzuspielen. Ureigene Ziele wie Artenschutz und Biodiversität werden rücksichtslos geopfert, egal wie fatal es zugeht. Ohne grüne politische Rückendeckung und systematische Personalpolitik seit etwa 25 Jahren wäre das undenkbar.

Das Ganze ist ideologisch motiviert: Man mag nur im äußersten Fall – eigentlich gar nicht – tötend eingreifen; man setzt alleine auf Verbesserungen der Lebensräume – in unserer durch und durch vom Menschen geprägten Kulturlandschaft. Das gilt, egal ob es um Massen von Wildgänsen, Krähenvögel, Nutria und vor allem Prädatoren wie dem Kormoran geht. Die Auswirkungen dieses Schutzes um jeden Preis werden systematisch ignoriert, sagen wir klipp und klar: weggelogen. Bodenbrüter wie Feldlerche, Kiebitze und Rebhuhn werden von Krähen und Fuchs etwa so massakriert wie unsere Fische durch den Kormoran. Alles ist unbestreitbar, längst erwiesen – dennoch: „Die Grünen verneinen die ökologische Bedeutung der Raubwildbejagung und betonen die Wichtigkeit des Habitats gegenüber allen anderen Faktoren“ (Zeitschrift Wild und Hund, Heft 15 2021 Seite 60). Hier ist der Offenbarungseid: Entscheidungen werden nach ideologischer Gesinnung getroffen, die Fakten hintenan gestellt oder ganz geleugnet. Begünstigend kommt hinzu, dass viele Bürger oft nur oberflächlich informiert sind und sich täuschen lassen. Eine Zeitenwende hin zur Realität, weg von verträumten Ideologien, so wie in der Sicherheitspolitik unseres Landes jetzt geschehen, ist hier leider gar nicht zu erkennen.

Wenn man unsere fast überall nahezu fischleeren Gewässer sieht, die o.a. eigentlichen Ursachen bedenkt, mag man sich nicht ausdenken, wie dieselben Politiker und ihre Verbände auch auf anderen sehr wichtigen Feldern handeln werden.

Bitte überlegen Sie, ob Sie diesen Menschen wirklich eine faktenorientierte Realpolitik zutrauen, wenn Sie Ihre Kreuze am 15. Mai setzen!

Hier finden Sie diesen Denkanstoß zum Download und anschließendem Weiterleiten.